Interview mit TERENCE McKENNA
von Oliver Koehler

(Bisher unveröffentlichtes Interview mit dem Großmodulator Terrence McKenna, daß Oliver Köhler seinerzeit für daß nun versenkte Magazin Frontline geführt hatte.)

Oliver: Herr McKenna, in ihren Vorträgen fordern Sie zur Schaffung neuer Kunstformen auf. Dabei darf sich Trance - mit seinen Innovationen im Bereich der musikalischen und visuellen Kunst - angesprochen fühlen; nur besteht das Problem, daß das Trance-Phänomen so eine breite Akzeptanz erfahren hat, daß es inzwischen als Teil des offiziellen, staatlichen Kulturguts verstanden wird. Besitzt eine salonfähige Kunst noch genügend Impetus, um Veränderungen zu bewirken.

TERENCE McKENNA: Ich glaube, daß dieses Phänomen nach wie vor noch das offizielle Kulturverständnis außerordentlich herausfordert, denn wo auch immer die kulturellen Werte des Establishment verteidigt werden, bleibt Trance grundsätzlich kontrovers. Natürlich muß man davon absehen, daß sobald eine Szene größer wird, sich auch Taschen der Kommerzialisierung bilden werden. Meiner Meinung nach ist Trance sehr entscheidend in der Hinsicht, daß es immer noch interessante Musik und Lebensstile hervorruft. Dennoch muß es sich immer noch als Zielscheibe für die Kulturfanatiker darstellen können, sonst wird es noch zum Klischee zu gunsten des Kommerzes. Hinzu kommt noch, daß Trance Rock'n'Roll schon längst eingeholt hat. Rock'n'Roll hatte vielleicht eine Blütezeit von 10 Jahren bevor es zum Dienste der Levi's Werbung eingezogen worden ist. Seitdem herrscht ein sehr starkes kommerzielles Element. Zeitschriften wie diese hier werden eine erhebliche Verantwortung tragen müssen, um den Verlauf ähnlicher Prozesse zu verhindern.

Oliver: Auch Ihre Botschaften tragen in diesem Prozeß eine große Verantwortung. Ihre Hauptthese läuft ja darauf hinaus, daß Psychedelika in der Zerstörung des egoistischen Triebes eine wesentliche Rolle spielen. Dennoch existiert ein breiter Spalt zwischen Konsument und Aktivist. Es scheint als ob, Trance nur zu einem unter vielen Genußmitteln unserer Gesellschaft geworden ist. Glauben Sie , daß ihre Botschaften die richtigen Leute erreichen.

TERENCE McKENNA: Die Message ist schon etwas komplizierter, hat vielmehr mit Pflanzen zu tun. Aber ja, ich bin der Ansicht, daß die meisten Jugendlichen unter 25 Jahren, mit denen ich rede, sich viel mehr bewußt sind über die Werte, die man versucht, ihnen zu verkaufen als irgendeine andere Gruppe von Leuten seit den Sechziger Jahren. Zur Zeit wird viel Jugend-Bashing betrieben, was ich gerade aus diesem Grund für unbegründet halte. Ich muß aber auch zustimmen, daß es in jeder Szene ahnungslose Leute geben wird, die draufspringen einfach weil es diese Szene gibt. Der Vorwurf einer gewissen Ober-flächlichkeit in der Szene muß man aber daher ableiten, daß diese Leute ihre Drogen nicht ernst genug nehmen. Den Leuten muß gesagt werden, daß die tiefgründigsten Drogenerfahrungen bei Dosen erreichbar sind, die zu hoch sind, um in einem Club tanzen zu gehen. Im Umgang mit Psilocybin zumindest gilt für mich als Prinzip eine Dosis von 5 gramm in einsamer Dunkelheit. Was aber für den Gebrauch von Drogen im Club-Kontext spricht, ist die Tatsache, daß durch energische Körperaktivität, z.B. tanzen, Drogen viel schneller umgesetzt werden. Somit haben wir eine Strategie entwickelt, um den Gebrauch von Drogen in einer öffentlichen Situation zu managen. Scheinbar funktioniert es auch, denn warum drehen so wenige durch, obwohl sie bis zum Anschlag geladen sind?

Oliver: Sie erwähnen die Droge Psilocybin bzw. Magic Mushrooms, eine natürlich wachsende psychedelische Droge, jedoch werden in der Trance Szene oft synthetische Drogen konsumiert. In wie fern unterscheiden sich die Wirkungen von synthetischen und natürlichen Psychedelika?

TERENCE McKENNA: Das Problem mit den synthetischen Drogen liegt darin, daß sie den kriminellen Syndikalismus fördern, das Züchten und Verkaufen von natürlichen Drogen aber nicht! Wenn man 500 Gramm eines weißen Pulvers verkaufen muß, dann wird man zwangsläufig eine kriminelle Verschwörung mit seinen Freunden bilden. Zudem erkennt man an einem weißen Pulver nicht, was es wirklich ist! Die menschliche Erfahrung mit Pflanzen ist im allgemeinen viel freundlicher gewesen als mit Synthetika. Nicht unbedingt als metaphysisches Prinzip, mehr als Faustregel, wird man mehr Spaß haben wenn man bei den Pflanzen bleibt und man wird eher überleben, um die Geschichte zu erzählen. Ich glaube deshalb, daß Psilocybin die natürliche Droge des Trance sein sollte. Die Züchtung von Pilzen kann so leicht sein wie Marmelade aufmachen und erzeugt einen Lebensstil, der auf Sauberkeit, Pünktlichkeit und auf Freude zum Detail beruht. Dürfte recht großen Andrang in Deutschland finden! Es wäre aber auch schön, wenn sich der Drogengebrauch nicht nur auf Trance-Parties beschränken würde, sondern auch auf die Einsamkeit in der Natur.

Oliver: Ihre Betonung des ökologischen Bewußtseins erinnert an eine Hippie-Ästhetik, der die Trance-Szene oft ferngeblieben ist. Dennoch ist Ihr Zynismus den 68iger Hippies gegenüber unüberhörbar. Was hat Trance, das den 68iger Hippies gefehlt hat?

TERENCE McKENNA: Die 68iger Hippies waren in ihrem Umgang mit der Technologie extrem naiv. Die einzigen Technologien mit denen sie sich beschäftigten, waren die der LSD- Herstellung und die der Anlagentechnik. Außerdem fand die ganze Bewegung nur an wenigen Orten statt: Berkeley, Ann Harbour und Manhattans East Village. Wer nicht dort war, war entweder nur ein Beobachter oder Möchtegern. Trance ist inzwischen eine globale Bewegung und das hat man dem Internet zu verdanken. Die Cybergemeinde verfügt über Kommunikationsformen, die in den Sechzigern nur den großen Konzernen zur Verfügung standen. Das gibt der Szene einen größeren Zusammenhalt; gleichzeitig ist sie aber global zerstreut und deshalb sehr schwierig zu zerstören. Zudem hat sich Trance die Zeit genommen, sich zu entwickeln und aufzubauen. Ich ging 1965 nach Berkeley und bis 1970 waren alle schon ausgestiegen. Also, wenn wir 1988 als das Geburtsjahr betrachten, dann nähern wir uns der zehnten Jahresfeier: länger als die Hippie-Geschichte! Trance hat mehr Leute über einen längeren Zeitraum hinweg betroffen und hat viel tiefere Wurzeln schlagen können. Wenn man noch das technologische und ökologische Bewußtsein ins Gleichgewicht bringen könnte, dann würde das, in Verbindung mit dem globalen jugendlichen Flair, mit starken visionären Drogenerlebnissen und mit den high-tech gemeinschafts-betonten Kunstformen, ein sehr starkes Fundament für eine Subkultur oder sogar für eine Kultur, bilden. It's here to stay! Ich bin sehr optimistisch aber ich habe es nicht eilig. Denn bis zu dem Jahre 2000 wird noch die alte Ordnung von Christentum, sogenannter Demokratie und Konsum herrschen. Wir können es kritisieren aber es wäre sinnlos zu versuchen, diese Ordnung zu stürzen. Nach 2000 wird sich eine ganz andere Denkart herauskristallisieren: ein Konsens, daß die alten Denkweisen ausgeschöpft sind. Es gibt einfach nicht mehr genug Kupfer, Gold oder Öl, um jedem den amerikanischen Mittelklassetraum zu ermöglichen. (Sowieso ist so ein Lebensstil unbefriedigend: die, die ihn haben, sind schließlich auch nicht zufrieden sonst würden sie sich nicht zu Tode trinken!) Es bedarf also ganz eindeutig einer Wiedergeburt der körper- und gemeinschafts-orientierten sowie konsumablehnenden Werte, wenn wir diesen Planeten nicht zerstören wollen. Und genau zu diesem Zeitpunkt werden sich diejenigen melden, die in den neunziger Jahren am Kochen waren, und die ihre Kunst, ihre Musik, ihren Lebensstil perfektioniert haben. So wie ihnen auch mehr Kontrolle gegeben wird, so werden sich auch die Veränderungen verwirklichen. Habt Geduld! Wir sind erst in der Trainingsphase. Am Trainieren für die 2000'er Trance-Olympiade!

BIBLIOGRAPHIE TERENCE McKENNA: (auf deutsch erschienen) PLAN -PLANT-PLANET: ein biofuturistsiches Szenario WAHRE HALLUZINATIONEN: Forschungsfahrten über die Teller der Wissenschaft hinaus in den Dschungel des Amazonas DIE SÜSSESTE SUCHT, IST ZUCKER EINE KILLERDROGE?: zusammen mit Werner Pieper, Untersuchungen des weißen Stoffes DIE PFLANZEN DER GÖTTER Außerdem Co-Autor von: CYBERTALK DENKEN AM RANDE DES UNDENKBAREN